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Hollerith erfasst

Lange Nacht der Museen in Berlin. Ich hatte mir zwei Stationen vorgenommen. Nach der zweiten war mein Kopf so voll, dass ich zu Hause erstmal eine Weile einfach nur dagesessen habe. Dieser Artikel ist der Versuch, diese Fülle zu ordnen. Und eine Verbindung zu ziehen, die mich seitdem nicht mehr loslässt.

Familienforschung, Digitalisierung und ein Geschäftsmodell

Die erste Station war das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Der Abend begann mit einem Vortrag zum Thema Familienforschung, konkret zur Suche nach Angehörigen, die während der beiden Weltkriege von Flucht betroffen waren. Viele Unterlagen aus ganz unterschiedlichen Quellen sind inzwischen digitalisiert. Praktisch, könnte man meinen. Und tatsächlich war mein erster Gedanke: Wie gut, dass moderne digitale Verfahren der Datenerhebung und Speicherung diese Suche heute so viel einfacher machen.

Ein Detail hat mich dabei nachdenklich gemacht. Es sind vor allem kommerzielle Anbieter, die mit dem menschlichen Bedürfnis nach Information über die eigene Familie Geld verdienen. Das ist per se kein Skandal. Aber es zeigt schon hier, wie schnell aus einem Bedürfnis ein Markt wird, und wie wenig wir uns dabei fragen, wer eigentlich die Datenhoheit hat.

Der eigentliche Moment kam dann beim Rundgang durch die Ausstellung.

Der Stempel „Hollerith erfaßt“

Vor einer Vitrine bin ich stehen geblieben. Ausgestellt war eine Häftlings-Personal-Karte eines polnischen Juden, der zunächst untergetaucht im Getto Tschenstochau lebte, Ende 1944 entdeckt und ins KZ Buchenwald deportiert wurde. Er hat überlebt und ist nach Palästina ausgewandert. Das allein ist schon eine Geschichte, die einen innehalten lässt.

Aber im Kontext dieser Ausstellung ging es nicht um das Getto oder die Deportation selbst. Es ging um einen roten Stempel auf der Karte: „Hollerith erfaßt“.

Historische „Häftlings-Personal-Karte“ aus einem nationalsozialistischen Konzentrationslager. Die geöffnete Karte besteht aus vergilbtem Papier mit vorgedruckten Formularfeldern für persönliche Daten, körperliche Merkmale, Einlieferung und Aufenthaltsinformationen. In der Mitte sind Zeilen für die Zuordnung zu verschiedenen Lagern und Registrierungsdaten sichtbar. Auf der rechten Seite befinden sich Felder zur Personenbeschreibung mit Angaben wie Augen-, Haar- und Gesichtsmerkmalen. Mehrere personenbezogene Einträge sind im Foto unscharf dargestellt. Die Karte zeigt die bürokratische Erfassung und Verwaltung von Gefangenen im Lagersystem des NS-Regimes und verdeutlicht die systematische Dokumentation der Inhaftierten. Über dem Titel befindet sich ein roter Stempel mit dem Text "Hollorith erfaßt".

Dieser Stempel bedeutet, dass die persönlichen Daten dieses Menschen auf einer Hollerith-Lochkarte verarbeitet wurden, jenem Vorläufer moderner Datenverarbeitung, mit dem die Nationalsozialisten Häftlinge und Bevölkerungsgruppen maschinell erfasst, sortiert und ausgewertet haben. Nicht mehr von Hand, nicht mehr Karteikarte für Karteikarte durchsucht, sondern maschinell, schnell, in großem Maßstab.

Genau das ist der Punkt, an dem sich für mich der Kreis zu meiner täglichen Arbeit geschlossen hat. Nicht das Erfassen von Menschen an sich ist neu und war es auch damals nicht. Neu war das Ausmaß und die Geschwindigkeit, mit der aus einzelnen Datenpunkten Muster, Listen und am Ende Verfolgung wurden.

Vergangenheitsform?

Ich merke, wie ich beim Schreiben dieses Absatzes ständig ins Präteritum rutschen will. Und wie ich es mir jedes Mal verkneife.

Denn was damals mit Lochkarten begann, sehen wir heute in einer Geschwindigkeit und Reichweite, die sich die Verantwortlichen von 1944 wahrscheinlich nicht hätten vorstellen können. Künstliche Intelligenz macht Selektion nahezu in Echtzeit möglich. Systeme, die Menschen anhand von Merkmalen kategorisieren, bewerten, priorisieren oder eben aussortieren, laufen längst nicht mehr in Forschungslaboren, sondern in produktiven Behördenverfahren, in Grenzkontrollen, in Sozialsystemen.

Die Auswüchse solcher automatisierten Auswertungen sehen wir seit Monaten in den USA, wo Algorithmen und Datenabgleiche zunehmend eingesetzt werden, um Menschen zu identifizieren, zu kategorisieren und zu behandeln, ohne dass diese Menschen dabei je als Individuen betrachtet werden. Ich habe darüber in einem früheren Artikel bereits geschrieben, anhand von Fällen wie der niederländischen Kindergeld-Affäre, dem australischen Robodebt-Skandal oder dem Post-Office-Horizon-Skandal in Großbritannien. Die Mechanik ist immer dieselbe. Ein System trifft automatisiert Entscheidungen über Menschen, und die Menschen, die dieses System bauen und betreiben, schauen weg.

Das Jüdische Museum als zweiter Blick auf dieselbe Frage

Die zweite Station des Abends war das Jüdische Museum Berlin. Ich war schon länger nicht mehr dort, mein letzter Besuch liegt vor der Pandemie. Diesem Museum muss man Zeit einräumen, aus vielen Gründen, die hier nicht das Thema sind.

Die Ausstellung hat perfekt an das angeknüpft, was ich im Dokumentationszentrum gesehen hatte, und mir gleichzeitig einen ergänzenden Blick auf Vertreibung und Verfolgung gegeben. Ich lese aktuell „Die Geschichte der Welt, ein Atlas“ von Christian Grataloup, eine klare Leseempfehlung von mir. Und es ist ernüchternd festzustellen, dass das Schlechte im Menschen über die Jahrhunderte nie wirklich von der Weltbühne verschwunden ist. Es tritt zeitweise in den Hintergrund. Aber es ist permanent zugegen.

Die Zuversicht dabei nicht zu verlieren, ist nicht leicht. Aber genau diese Zuversicht brauchen wir, um überhaupt etwas verändern zu können. Und jetzt zurück zur IT, denn dort will ich mit diesem Artikel hin.

Was das für uns in der IT bedeutet

Ich möchte dich, die Person, die diesen Artikel liest, um etwas bitten. Sei aufmerksam. Schau genau hin, was mit den Technologien passiert, mit denen du arbeitest, zu denen du Unternehmen und Menschen berätst.

Wozu werden sie eingesetzt. Wem nützen sie. Und vor allem, das ist die eigentlich entscheidende Frage: Wem schaden sie.

Wir leben zunehmend in einer Welt, in der neue Technologien nicht selten genau dafür eingesetzt werden, um Schwachen und Minderheiten zu schaden. Nicht immer offensichtlich, nicht immer mit böser Absicht der einzelnen Entwicklerin oder des einzelnen Admins. Aber die Wirkung ist dieselbe, ob absichtlich oder aus Gleichgültigkeit.

Der Stempel „Hollerith erfaßt“ auf einer über 80 Jahre alten Karteikarte ist für mich zu einem Symbol geworden. Er zeigt, dass die technische Fähigkeit, Menschen maschinell zu erfassen und auszuwerten, selten neutral ist. Sie wird immer von Menschen genutzt, mit Absichten, die gut oder schlecht sein können. Wir in der IT bauen diese Fähigkeiten. Wir integrieren sie in Systeme. Wir beraten dazu, wie sie eingesetzt werden.

Damit tragen wir Verantwortung. Nicht die alleinige, aber eine wesentliche. Diese Verantwortung beginnt nicht erst, wenn ein System bereits im Einsatz ist und Schaden anrichtet. Sie beginnt bei der Frage, die wir uns stellen, bevor wir überhaupt den ersten Codezeile schreiben oder die erste Konfiguration vornehmen: Wer profitiert davon, und wer trägt das Risiko.

Wir müssen unsere unbändige Begeisterung für jedes Neue bremsen. Nicht aus Technikfeindlichkeit, sondern aus Verantwortung. Die Geschichte zeigt uns, wozu maschinelle Erfassung von Menschen führen kann, wenn niemand hinschaut. Wir haben heute die Werkzeuge, genauer hinzuschauen, als es damals möglich war. Nutzen wir sie auch dafür.

Achtet gut auf euch, und achtet gut darauf, was ihr baut.

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