Wenn Neutralität zur Lüge wird

Über Schuld, Verantwortung und den Punkt, an dem Wegsehen zur Mittäterschaft wird.

Es gibt diesen Satz, der in der IT seit Jahrzehnten zuverlässig jede Debatte beendet:

„Technologie ist neutral. Entscheidend ist, wie sie eingesetzt wird.“

Er klingt vernünftig. Fast weise. Und vor allem entlastend.
Denn wer ihn ausspricht, verschiebt die Verantwortung elegant nach oben, nach außen oder in eine diffuse Zukunft. Nicht ich entscheide. Nicht mein Code. Nicht mein System. Sondern „die da“.

Doch je genauer man hinsieht, desto brüchiger wird dieser Gedanke. Nicht abrupt, sondern schleichend. Mit jeder neuen Plattform, jedem weiteren Überwachungssystem, jeder zusätzlichen „Sicherheitslösung“, die nicht mehr reagiert, sondern vorsortiert. Präventiv. Unsichtbar.

Vielleicht war Technologie nie neutral.
Vielleicht konnten wir uns es nur leisten zu glauben.

Abstraktion als moralisches Schutzschild

Die IT lebt von Abstraktion. Schichten, Schnittstellen, Zuständigkeiten.
Was technisch notwendig ist, wird moralisch bequem.

„Ich schreibe nur den Code.“
„Ich betreibe nur die Infrastruktur.“
„Ich bin nicht für den Use Case verantwortlich.“

Diese Sätze sind nicht gelogen. Aber sie sind unvollständig.
Denn sie beschreiben Tätigkeiten, nicht deren Wirkung.

In dem Moment, in dem Systeme nicht mehr nur Werkzeuge sind, sondern Macht skalieren, verändert sich die Rolle derer, die sie bauen. Wer digitale Infrastrukturen entwirft, entscheidet nicht mehr nur über Performance und Verfügbarkeit, sondern auch über Möglichkeiten: darüber, was überhaupt getan werden kann.

Und genau hier beginnt das Unbehagen.

„Nicht die Waffe tötet“ – und warum das zu kurz greift

Der Vergleich ist alt, aber hartnäckig:

Nicht die Waffe tötet, sondern der Mensch, der sie benutzt.

Er stimmt und verschleiert zugleich. Denn Waffen entstehen nicht zufällig. Sie werden entwickelt, optimiert, verbreitet. Mit klaren Vorstellungen davon, wofür sie gedacht sind. Niemand konstruiert ein Sturmgewehr in der Hoffnung, dass es ausschließlich abschreckt.

Überwachungstechnologie ist keine neutrale Klinge in der Küchenschublade. Sie ist präzise, skalierbar, systemisch. Sie ist darauf ausgelegt, Verhalten sichtbar, berechenbar und steuerbar zu machen.

Das macht sie nicht automatisch böse.
Aber es macht sie inhärent politisch.

Historischer Rückblick I: Effizienz als Vorstufe zur Entmenschlichung

Geschichte hilft nicht dabei, einfache Antworten zu liefern. Aber sie hilft, Ausreden zu erkennen.

Im nationalsozialistischen Deutschland war es nicht allein rohe Gewalt, die Verbrechen in industriellem Maßstab ermöglichte. Es war auch Verwaltung. Statistik. Logistik. Die nüchterne Organisation des Unvorstellbaren.

Ein oft zitierter, aber nie harmloser Aspekt ist die Rolle von IBM. Lochkartensysteme, Datenauswertung, Kategorisierung. Technik, die nicht tötete, aber half, Menschen effizient zu erfassen, zu sortieren und verfügbar zu machen.

Die beteiligten Ingenieure waren keine Henker.
Aber sie stellten Werkzeuge bereit, ohne die das System weniger reibungslos funktioniert hätte.

Der Abstand zur Gegenwart ist geringer, als uns lieb ist.

Historischer Rückblick II: Verantwortung im Schatten der Größe

Ein anderer Blick zurück führt zum Manhattan Project. Auch hier arbeiteten hochqualifizierte Fachleute an einem technischen Ziel, das größer war als sie selbst. Viele wussten, dass ihre Arbeit Konsequenzen haben würde. Wenige konnten sie wirklich überblicken.

Die Argumente ähneln sich bis heute:
Wenn wir es nicht tun, dann tun es andere.
Ich bin nur für meinen Teil verantwortlich.
Die politische Entscheidung liegt nicht bei mir.

Nach dem Einsatz der Bombe klangen diese Sätze hohl. Nicht falsch, aber unzureichend.

Technische Brillanz schützt nicht vor moralischer Verantwortung.
Sie verstärkt sie.

Die neue Qualität digitaler Macht

Was heutige Überwachungssysteme von früheren Formen staatlicher Kontrolle unterscheidet, ist nicht nur ihre Reichweite, sondern auch ihre Unsichtbarkeit. Sie müssen nicht einschüchtern, um wirksam zu sein. Es reicht, wenn Menschen wissen oder vermuten, dass sie beobachtet werden.

Moderne IT-Systeme bewerten nicht nur Verhalten, sie antizipieren es. Sie erstellen Profile, Wahrscheinlichkeiten, Risikowerte. Oft automatisiert. Oft ohne echte Einspruchsmöglichkeit.

Und wer in der IT arbeitet, weiß das.
Nicht abstrakt, sondern konkret.
Man kennt die Datenquellen. Die Schnittstellen. Die Missbrauchsmöglichkeiten.

Unwissen ist längst keine glaubwürdige Ausrede mehr.

Mitschuld – ein Wort, das wehtut

„Mitschuld“ ist ein hartes Wort. Es provoziert Abwehr. Und vielleicht ist es genau deshalb notwendig.

Natürlich ist nicht jede:r IT-Mitarbeitende gleichermaßen verantwortlich. Natürlich gibt es Zwänge, Abhängigkeiten, strukturelle Machtverhältnisse. Aber zwischen Täter und Opfer gibt es ein breites Spektrum an Beteiligung.

Wer Systeme baut, ermöglicht.
Wer sie betreibt, stabilisiert.
Wer sie absichert, verlängert ihre Wirksamkeit.

Das bedeutet nicht, dass jede Mitarbeit gleich schuld ist.
Aber es bedeutet, dass keine Mitarbeit neutral bleibt, sobald der Zweck erkennbar ist.

Bleiben, gehen oder etwas Drittes?

Die Frage, ob man der IT den Rücken kehren sollte, wird oft radikal gestellt. Vielleicht zu radikal.

Nicht jede:r kann gehen. Nicht jede:r sollte gehen. Ein kollektiver Rückzug würde die Systeme nicht verschwinden lassen. Sie würden nur von anderen gebaut werden.

Aber vielleicht liegt das eigentliche Problem nicht im Bleiben, sondern im schweigenden Mitmachen. In der Vorstellung, dass Professionalität und moralische Verantwortung Gegensätze seien.

Verantwortung beginnt nicht zwingend mit der Kündigung.
Sie kann auch beginnen mit dem Nein.
Mit dem bewussten Nicht-Optimieren dessen, was besser nicht perfektioniert werden sollte.

Manchmal fängt es auch damit an, dass man zugibt, Teil von etwas geworden zu sein, das man nicht mehr unterstützen kann.

Ein persönlicher Einschnitt

An dieser Stelle müsste ich mich entscheiden.
Für einen Ton. Für eine Haltung. Für ein klares Ende.

In den letzten Wochen habe ich mit Menschen über dieses innere Dilemma gesprochen. Mit Kolleg:innen, mit anderen aus der IT, mit Menschen, von denen ich erwartet hätte, dass sie diese Spannung verstehen. Dass sie erkennen, warum diese Fragen nicht nur theoretisch sind.

Stattdessen erhielt ich häufig Unverständnis, fragende Blicke und Schulterzucken. Mir wurde unausgesprochen vermittelt, ich solle nicht übertreiben, weil man nicht alles so ernst nehmen könne. So sei eben die Welt, in der wir arbeiten.

Diese Reaktionen haben mich mehr beschäftigt, als ich erwartet hätte. Nicht, weil sie überraschend waren, sondern weil sie so normal wirkten. Als wäre die innere Trennung zwischen technischem Können und gesellschaftlicher Wirkung längst akzeptiert. Als müsste man sich entscheiden: entweder professionell oder nachdenklich.

Ich könnte diesen Text dystopisch enden lassen, da es dafür ausreichende Gründe gibt. Die Entwicklungen sind echt, die Tendenzen sind deutlich sichtbar, und die Rechtfertigungen wirken vertraut. Wer in der IT arbeitet, erkennt genau, wozu bestimmte Systeme in der Lage sind und wie schnell man sich daran gewöhnt.

Gleichzeitig wäre es unehrlich, so zu behaupten, dass es keine Alternativen gibt. Ich kenne Menschen, die kämpfen, widersprechen und bleiben, gerade weil sie das Unbehagen fühlen.

Ich selbst stehe zwischen diesen beiden Bildern.
Und genau aus dieser Spannung ist dieser Text entstanden.
Es bewegt mich zutiefst, ihn zu veröffentlichen.

Und was daraus folgt

Vielleicht liegt das eigentliche Problem nicht darin, was wir bauen, sondern darin, wie bereitwillig wir akzeptieren, dass Verantwortung im System aufgelöst wird. Mit wachsender Plattformgröße und zunehmender Komplexität der Infrastruktur erscheint der eigene Beitrag immer geringer. Dadurch wird es einfacher, sich selbst als irrelevant zu betrachten.

Doch Systeme bestehen aus Entscheidungen.
Und Entscheidungen bestehen aus Menschen.

Was daraus folgt, bleibt offen.
Aber nicht folgenlos.

Die wahrscheinlichere Fortsetzung

Man kann sich eine Zukunft vorstellen, in der diese Fragen nicht mehr gestellt werden. Nicht, weil sie beantwortet wurden, sondern weil sie stören.

Überwachung wird künftig nicht mehr hinterfragt, sondern als gegeben angenommen. Einschüchterung wird nicht mehr explizit erwähnt, sondern durch gesetzliche Rahmenbedingungen legitimiert. IT-Fachkräfte bleiben unverzichtbar, sogar wichtiger denn je. Sie sind gut bezahlt, hochspezialisiert und dennoch austauschbar.

Niemand ist gezwungen, und niemand wird zur Verantwortung gezogen.
Alles läuft reibungslos: effizient und rechtskonform. Alternativlos.

Und irgendwann wird man zurückblicken und sagen:

Es hat ja niemand etwas falsch gemacht.

Vielleicht ist das die eigentliche Dystopie:
nicht der offene Schrecken,
sondern das perfekte Funktionieren ohne Gewissen.

Eine andere Möglichkeit

Man kann sich auch eine andere Zukunft vorstellen. Keine heroische. Keine saubere.

Eine, in der Menschen in der IT anfangen, diese Fragen nicht mehr wegzuschieben. In der Widerspruch nicht als Störung gilt, sondern als notwendige Reibung. In der „machbar“ nicht automatisch „machenswert“ bedeutet.

Das wird nichts lösen.
Es wird nichts reinwaschen.
Und es wird unbequem bleiben.

Aber vielleicht entsteht genau dort etwas Widerständiges:
nicht als Bewegung, sondern als Haltung.
Nicht laut, sondern beharrlich.

Zuversicht wäre dann kein Gefühl.
Sondern eine Entscheidung gegen Gleichgültigkeit.

Dass niemand gezwungen wird, macht es nicht besser.


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